Ihr habt die perfekte Mutter. Ich bin verantwortlich für all eure Probleme …

unsplash-liz-bridges„Ich sage zu meinen Kindern: »Ihr habt die perfekte Mutter. Ich bin verantwortlich für all eure Probleme, und ihr seid verantwortlich für die Lösungen.«“ Byron Katie

Ich praktiziere nun schon seit einigen Jahren Achtsamkeit und im Zuge dessen ist mir dieses Zitat von Byron Katie in die Hände gefallen. Und als Beá Beste – sie sammelt auf ihrem Blog Tollabea Elterntipps – letzte Woche auf Facebook in die Runde fragte, welcher Erziehungstipp uns am meisten geholfen hat und woher wir ihn erhalten haben, fielen mir diese Zeilen wieder ein.

Auf den ersten Blick ist das kein Erziehungstipp. Das ist vielmehr so ein Satz. Weder geschmeidig noch leicht. Der geht nicht glatt runter. Bei diesem Satz nicken nicht alle nachdrücklich, kriegen auch keine Tränen der Rührung in die Augen und rufen nicht Yeah!. An so ein Statement tastet man sich ganz vorsichtig heran. Man reibt sich misstrauisch. Soll man das an sich rankommen lassen?

Byron Katie hat eine ganze Menge solcher Sätze auf Lager. Sie gehört zu den Weisen, die einem begegnen, wenn man Achtsamkeit praktiziert, aber dann doch gern ein bisschen Handwerkszeug hätte. Die Amerikanerin hat mit The Work genau das entwickelt, nach Jahren des Leidens. In ihren Vierzigern litt sie an schweren Depressionen und Übergewicht, konnte kaum noch ihr Bett verlassen und brüllte ihre Kinder von dort aus an. Es muss fürchterlich gewesen sein. Für sie und ihre Kinder. Bis zu dem Tag, an dem sie eine Erkenntnis hatte: Sie entdeckte, dass nicht die Realität und die Umstände sie krank machten, sondern ihre negativen Gedanken. Aus diesem Geistesblitz heraus entwickelte sie The Work. Das ist eine Methode, mit der man seine Glaubensätze und Gedanken, von denen man nicht nur völlig, sondern total überzeugt ist, mal genauer unter die Lupe nimmt. Das tut man indem man sie umkehrt und versucht, Wahrheit im Gegenteil zu finden. Wer The Work macht, bewegt sich auf aufregend neuem Gedankenterrain. Man sträubt sich, zweifelt, staunt, weint, lacht und fühlt sich hinterher gelöst und frei.

The Work ist auf den ersten Blick unglaublich simpel. Funktioniert aber so gut, dass Byron Katie weltweit bekannte Bestsellerautorin ist und in vielen Herrenländern The Work-Kostproben gibt. Nächste Woche kommt sie nach Köln. Und ihre Kinder schreit sie auch nicht mehr an.

Selbst wenn wir unsere Kinder nicht oft anschreien, dass wir als Mütter oder Väter keine Superhelden und auch keine Engel sind, wissen wir ja. So sehr wir uns als Eltern auch darum bemühen, gut zu sein: Unsere eigenen Unsicherheiten und Schwächen gehören zu uns und lassen sich nicht vor den Kindern verbergen. In unseren Gesten, in unseren Blicken, in unseren Meinungen, in unserer Ironie, in unserer Art mit unserem Nachbarn oder über unserem Chef zu reden, in unserem Urteil über Erzieher und Lehrer oder sonst wem lernen unsere Kinder unsere Ängste, Selbstzweifel und Zwänge kennen und machen sie sich zu Eigen. Das ist so normal wie unabänderlich und keineswegs eine Katastrophe.

Zur Katastrophe wird es erst in unseren Gedanken. Genau das hat Byron Katie entdeckt. Es wird zur Katastrophe, wenn Eltern fest daran glauben, dass eine gute Mutter oder ein guter Vater so oder so, aber am besten perfekt sein muss. Denn wie soll das funktionieren? Gar nicht. Kein Wunder, dass so viele Eltern unter Stress, Druck und Schuldgefühlen leiden.

Byron Katie schreibt keine Erziehungsratgeber und doch hat sie für dieses Problem eine schöne Antwort. Sie sagt: So wie ihr seid, seid ihr perfekt! Das klingt zunächst paradox. Wie können völlig unperfekte Eltern perfekt sein? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es Byron Katie immer um Wahrheit und hundertprozentige Selbstverantwortung geht. Und mit Wahrheit ist hier nicht gemeint, seine Kinder nicht anzuschwindeln. Mit Wahrheit ist gemeint, die Realität zu sehen, wie sie ist. Sich als Mensch, als Eltern zu sehen, wie man ist. Und das zu akzeptieren und sogar lieben zu lernen, das macht man mit The Work.

In diesem Prozess untersucht man Sätze wie: „Perfekte Eltern sollten nicht streng sein.“ Oder „Perfekte Eltern sollten nicht vor ihren Kindern streiten.“ Oder auch „Perfekte Eltern sollten nicht ängstlich und kontrollierend sein.“ Diese Sätze zu überprüfen und zu hinterfragen, braucht große Offenheit und ganz viel Ehrlichkeit. Ohne Mut geht´s also nicht. Doch es lohnt sich, denn am Ende wartet eine Überraschung. Wenn Eltern sich selbst annehmen, sich lieben, so wie sie sind, stellt sich ein Glücksgefühl ein, das man wohl Freiheit nennt. Mehr noch: Das Problem schrumpft und irgendwann verschwindet es. Ganz nach dem Motto des Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers: „Es ist ein kurioses Paradoxon, dass ich mich, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, verändern kann.“

Ein Beispiel:

Untersuchen wir mal den Gedanken „Perfekte Eltern sollten nicht streng sein“mit Byron Katies vier Fragen:

1. Ist das wahr?
–  Oh, ja! Das ist wahr!
2. Kannst Du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
–  Auf jeden Fall!
3. Wie reagierst Du, wenn Du diesen Gedanken glaubst?
–  Wenn ich meinen Kindern etwas verboten habe und sie mir dann sagen, dass ich streng und gemein bin, verunsichert mich das total. Ich fühle ich mich schlecht, weil ich keine strenge Mutter sein will. Ich versuche es dann wieder gutzumachen, indem ich ihnen ein Eis kaufe. Aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack.
4. Wer wärst Du ohne den Gedanken?
–  Ohne den Gedanken würden mich die Vorwürfe der Kinder nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Ich würde ihnen liebevoll erklären, dass ich es so mache, weil ich es so für richtig halte. Es würde sich leicht anfühlen. Und die Kinder würden das wahrscheinlich akzeptieren.

Und jetzt kehren wir den Gedanken mal um:
Perfekte Eltern sollten streng sein. Könnte das auch wahr sein?
–  Na ja. Wenn man manchmal streng ist, setzt man damit ja auch Grenzen und das gibt meinen Kindern auch Halt und Orientierung. Und wäre ich nicht auch streng, würden sie vielleicht so schrecklich verwöhnte Nervensägen werden wie Dudley Dursley aus Harry Potter.

Und noch eine Umkehrung:
Ich sollte nicht streng mit mir sein. Könnte das auch wahr sein?
–  Oh Mann, auf jeden Fall! Denn am strengsten bin ich tatsächlich mit mir selbst, weil ich mich ständig kritisch beurteile, ob ich auch alles richtig mit meinen Kindern mache. Ich bin mir selbst der schärfste Kritiker.

Und noch eine interessante Umkehrung:
Meine Kinder sollten nicht so streng sein. Könnte daran auch etwas dran sein?
–  Hmm. Im Grunde sind meine Kinder auch sehr streng, wenn sie mir schnell Vorwürfe machen, nur weil ich einmal etwas verbiete. Hey! Das ist ein lustiger Gedanke!

Soweit!

Nach der kleinen Kostprobe nochmal zurück zu dem Zitat „Ich sage zu meinen Kindern: »Ihr habt die perfekte Mutter. Ich bin verantwortlich für all eure Probleme, und ihr seid verantwortlich für die Lösungen.«“ Eltern, die diesen Satz sagen können, erkennen die Realität an. Sie verstecken sich nicht vor ihren Kindern. Sie müssen nicht den steinigen, den unmöglichen Weg gehen, jemand anderer sein zu wollen. Sie stellen Verantwortlichkeiten klar. Damit holen sie die Kinder aus der Opferrolle und übernehmen für sich selbst volle Verantwortung – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Was für ein Glück für die Kinder und für die Eltern!

Ich denke ja, dass Mütter und Väter den Pfad des perfekten Gutelterntums endlich verlassen und umdenken sollten.

Aber halt! Vielleicht sollte ich diesen Gedanken erstmal mit The Work überprüfen 😉

4 Antworten auf „Ihr habt die perfekte Mutter. Ich bin verantwortlich für all eure Probleme …“

  1. In der Psychologie gibt es das Konzept der „good enough mother“. Das klang für mich, als ich es das erste mal hörte auch nicht berauschend. Schließlich wollte ich nicht „gut genug“, sondern wirklich gut für meine Kinder sein.
    Manchmal ist „gut genug“ wirklich gut und in vielen Fällen auch perfekt. Diese Erkenntnis reifte in mir sehr langsam. Meine Kinder sind jetzt 17 und 20 Jahre, also aus dem gröbsten raus und ich kann mit Fug und Recht sagen: „Ich war gut genug.“

    Genau diese Erfahrung hilft mir auch in meiner täglichen Arbeit mit Müttern. Ich kenne diese Ängste nicht gut genug zu sein, die Befürchtung etwas ganz Wichtiges zu übersehen, die nagenden Gedanken, ob man sein Kind nicht noch besser unterstützen könnte 😉

    Ein super Artikel, der genau hier ansetzt.

    1. Danke dir, Ilse! Mir ging es genauso, deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben. Und trotz aller Erfahrung (mein Großer ist jetzt 18) komme ich dann und wann an diesem Punkt vorbei. Und dann kommt The Work mit ins Spiel und alles ist easy!

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