Achtsamkeit in der Familie

Damit wir für unsere Kinder die besten Eltern sind, die wir sein können.

Mein Seminar mit Myla und Jon Kabat Zinn

 

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„Was hat dich hergeführt?“

„Was hat dich wirklich hergeführt?“

„Was hat dich wirklich, wirklich hergeführt?“

„Was hat dich wirklich, wirklich, wirklich, wirklich hergeführt?“

So ging er los, der Abend zum Thema „Achtsamkeit in der Familie“ mit Myla und Jon Kabat Zinn. Jon zählt zu den bekanntesten Köpfen der Achtsamkeitsforschung und ist so etwas wie ein Rockstar der Bewegung. Er ist der Begründer des wissenschaftlich belegten MBSR-Programms (mindfulness based stress reduction), das weltweit eingesetzt wird. Zusammen mit seiner Frau Myla, die in der Geburtshilfe tätig war, hat er das Buch „Mit Kindern wachsen“ geschrieben.  Und genau darum ging es in dem Vortrag und darauffolgenden Seminartag, der von dem gleichnamigen Verein organisiert worden war und zu dem sich 300 Menschen, darunter viele Eltern, nach Salzburg aufgemacht hatten.

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Jon sprach zuerst, neben sich seine Frau Myla auf einem Podium, das nicht so hoch war, wie von den beiden gewünscht, weil sie nicht jeden im Publikum sehen konnten. Aber es war auch nicht weiter schlimm, denn die beiden waren auch ohne Podest das, was man von zwei Achtsamkeitsprofis erwartet: Hochpräsent.

Während des Vortragabends und darauf folgenden Seminartags sprachen sie abwechselnd, ohne Script und mit großer Nähe zu uns – ihrem Publikum – und in kurzen Sequenzen, damit die junge, hochkonzentrierte und empathische Dolmetscherin Nadine die Chance hatte, alles zu übersetzen.

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„Was hat dich wirklich, wirklich, wirklich, wirklich hergeführt?“

Jon fragte also. Und das Publikum antwortete im Stillen. Ich auch. Easy! Dann fragte er wieder. Und wieder hatte ich meine Antwort schnell. Als er das dritte Mal fragte, kam ich schon ins Grübeln und musste tiefer graben.  Bei der vierten Frage merkte ich dann einen kleinen Widerstand, der sich in „Jetzt ist es aber mal gut“ äußerte. Da kleine Widerstände mich aber nicht so leicht aufhalten, habe ich ebendiesen freundlich zur Kenntnis genommen und dann auch die vierte beantwortet:

  1. „Was hat dich hergeführt?“ –  „Ich bin hier, weil mich mein Mann zu unserem 20. Hochzeitstag mit dieser Reise nach Salzburg überrascht hat.“
  2. „Was hat dich wirklich hergeführt?“ – „Also ich bin wirklich hier, weil ich Müttern Achtsamkeit vermittele und da passt das Thema dieses Seminars perfekt.“
  3. „Was hat dich wirklich, wirklich hergeführt?“ – „Ähhm, ich bin wirklich, wirklich hier, weil ich Jon Kabat Zinn toll finde und ihn mal live sehen wollte??“
  4. „Was hat dich wirklich, wirklich, wirklich, wirklich hergeführt?“ – „Okay. Ich habe verstanden. Ich bin wirklich, wirklich, wirklich, wirklich hier, weil ich wirklich, wirklich, wirklich frei sein möchte.“

Da waren sie also, die Antworten auf die Fragen, mit denen Jon direkt in die Praxis der Achtsamkeit eingestiegen ist. Denn bei Achtsamkeit geht es schlicht darum, sich darüber bewusst zu werden, was wirklich, wirklich, wirklich ist. Und das hatte ich mit der vierten Antwort erledigt:

Ich meine es ernst mit der Achtsamkeit und fliege dafür sogar bis nach Salzburg, weil ich so Schrittchen für Schrittchen für Schrittchen innerlich freier und unabhängiger werde. Das war die wahrhaftigste Antwort, die ich geben konnte – in diesem Moment.

Was ist deine? Was hat dich wirklich, wirklich, wirklich hergeführt? Warum liest du diese Zeilen?

Zugegeben, mit Achtsamkeit diese Frage zu beantworten ist zunächst sehr ungewohnt und kommt einem auch irgendwie komisch vor. Sich seiner inneren Welt liebevoll zuzuwenden, ist ohnehin alles andere als einfach. Jon nannte es die schwierigste Arbeit der Welt. Und ich bin mir ganz sicher, dass er Recht hat.

Jon und Myla reden Klartext

Esoterische Verklärung und schwärmerische Illusion waren ohnehin nicht Jon und Mylas Sache. Von Anfang an war mein Eindruck, dass es Jon und Myla wirklich wichtig war, ihrem Publikum die große Bedeutung von Achtsamkeit – gerade im Familienleben – näher zu bringen. Genauso wichtig schien es ihnen aber auch zu sein, keine glänzenden Heilsversprechen zu verkünden. Sie redeten Klartext auf herrlich warmherzige Weise. Das vermittelte mir ein Gefühl von Vertrauen und Nähe. Ich fühlte mich verbunden.

Auch dann noch, als sie uns den Zahn zogen, Achtsamkeit  wäre eine Garantie für ein schmerzfreies Leben. Jon und Myla sagten, dass Achtsamkeit uns und unsere Kinder nicht vor Leid schützen könne. Ein gewisses Maß an Leid ist zwangsläufig Teil jeden Lebens und das können wir mit Achtsamkeit auch nicht verändern.

Doch – und jetzt kommt die gute Nachricht – gäbe es auch unnötiges Leid. Es ist das aus Eigenproduktion. Wenn wir in unseren Stories (Urteile, Meinungen, Glaubenssätze) oder in dunklen Gedanken und Gefühlen über die Zukunft oder die Vergangenheit gefangen sind, können wir nicht mehr erkennen, was wirklich passiert und verlieren den Kontakt zu unserem liebenden Selbst. Und dann sind wir es tatsächlich selbst, die das Leid produzieren.

Es geht um Beziehung.  Myla und Jon: „Achtsamkeit ist intime Nähe zum Leben“,  nicht Schmerzfreiheit. Wer das erwartet, kann von Achtsamkeit nur enttäuscht werden. Und enttäuschen wollten Jon und Myla uns offenbar nicht. So baten sie uns auch, keine Lösungen von ihnen zu erwarten. Sie hatten etwas anderes anzubieten. Eine seriöse Variante. Eine Metapher.

„Das Leben mit Kindern ist ein spannendes Laboratorium.“

Laboratorium. Dieses Wort fiel immer wieder. Es ist für Myla und Jon eine Metapher für unser  Leben mit Kindern. Dieses ist ein Laboratorium für das es keine Experten gibt, außer uns, den Eltern. Als Eltern haben wir aber vielmehr den Status von Wissenschaftlern inne, für die es in diesem spannendsten aller Laboratorien zu erkennen gilt, was wirklich passiert.

Wenn wir diese Aufgabe angehen und mit Achtsamkeit beginnen, würden wir zuerst merken, wie unachtsam wir sind. Und hier war sie wieder die Warmherzigkeit der beiden: Prompt  trösteten sie uns, dass dies völlig normal sei und nur ein Zeichen dafür, dass unsere Achtsamkeitspraxis begonnen hätte. Mit der Zeit würden wir dann noch etwas anderes feststellen. Wir würden merken, wie stark wir an unseren Stories anhaften –  Jon: „We are prisoners of our own stories.“ Wir könnten erkennen, wie abhängig wir davon sind, dass alles nach unseren Erwartungen läuft. Was es natürlich selten tut. Besonders dann, wenn man Kinder hat.

Jeder von uns bringt Ressourcen aber auch unterentwickelte Bereiche und alte Verletzungen in die Elternschaft mit. Alte Verletzungen prägen unsere Glaubenssätze und Erwartungen an unsere Kinder. Ohne Achtsamkeit sind wir uns dieser aber nicht bewusst. Mit dem Resultat, dass wir von unseren Glaubenssätzen abhängig bleiben und uns selbst und unsere Kinder in eine „Box“ stecken.

Man sieht: Achtsamkeit mag schwer sein, aber die Alternative ist entschieden leidvoller.

„You are good enough already. “ 

„You are good enough already. “  Wer hat das gesagt? Jon oder Myla? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich weiß noch, was sie dazu sagten: „Du hast alles bereits in dir, wenn du bereit bist, dich auf die große Tiefe der Achtsamkeit einzulassen.“ Wenn wir unsere ureigene innere Landschaft kennenlernen, können wir diesen Reichtum für uns fruchtbar machen. Wir werden uns unserer selbst mehr bewusst und können erkennen, wie viel Probleme hausgemacht sind. Und dann besteht die große Kunst darin, sich dafür nicht zu verdammen. Güte, Freundlichkeit und Warmherzigkeit für uns selbst. Auch das ist Achtsamkeit.

Wenn wir uns unserer selbst bewusster sind, verschaffen wir uns die Möglichkeit, nicht immer aus unseren Glaubensätzen heraus automatisch zu reagieren, sondern etwas ein wenig anders zu tun. Wir finden neue Wege, mit unseren alten Mustern und Stories umzugehen. Wir lernen, die zu sein, die wir wirklich sind. Mit Achtsamkeit werden wir also keine perfekten Eltern. Nein, das nicht. Wir werden etwas anderes. Wir werden die besten Eltern, die wir sein können.

Und noch etwas hat uns dieses Paar, die selbst Eltern und Großeltern sind, ans Herz gelegt: Es geht bei Achtsamkeit nicht um Perfektion, sondern um etwas, dem wir uns nur annähern können. Doch dazu steht uns jeder Moment aufs Neue zur Verfügung: „Every moment ist fresh.“ Jeden Tag haben wir 1000 Mal die Chance, unseren Kindern bewusster und freier zu antworten. Und da die beiden es bis zuletzt nicht mit Beschönigung hatten, kam auch noch dieser Hinweis: Möglich ist immer nur ein bisschen. Ein bisschen mehr Achtsamkeit, ein bisschen mehr Mitgefühl.

Schauen, was wirklich ist. Ich denke, wir werden es noch Milliarden Mal wiederholen müssen. Es wird nie ein Ende nehmen. Doch für Menschen wie mich, die frei sein wollen, gibt es schlicht keine Alternative. Und etwas Schöneres gibt es auch nicht. Danke, Jon und Myla!

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Doch zurück zu dir.  Was hat dich wirklich, wirklich, wirklich hergeführt?

 

 

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