Die kleine Kachel vom Weihnachtsmarkt und der Terror in Berlin

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calm seas never make skilled sailors

Vor drei Wochen habe ich eine kleine Kachel auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin gekauft. Bei einem jungen, netten, Englisch sprechenden Mann. Auf der Kachel war ein Bild von einer stürmischen See und der Spruch: „calm seas never make skilled sailors“, der wohl von Franklin D. Roosevelt stammt.

Ich hatte wunderbare Tage in unserer Hauptstadt verbracht, war auf dem Kongress Meditation & Wissenschaft gewesen, hatte meine Großtante besucht und Freundinnen getroffen und war nun auf dem Heimweg nach Köln und musste am Zoologischen Garten umsteigen. Um die Wartezeit zu nutzen, bin ich mit meinem Köfferchen umhergestreift und so auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gestoßen. Ich hatte noch kurz gezögert – wegen Terror(vor-)sorge, bin dann aber doch zu den kleinen Buden rüber gegangen, weil ich noch ein Mitbringsel brauchte. Bei einem Stand mit vielen bunten Kacheln mit witzigen, philosophischen und frechen Motiven und Sprüchen bin ich hängen geblieben. Das waren perfekte Weihnachtsgeschenke in der Größenordnung Kleinigkeit.

Der Aussprache nach war der Verkäufer Engländer und ich dachte mir, das ist es, was ich an Berlin so mag: das Kosmopolitische, das Weltbürgerliche. Diese kunterbunte Mischung an Menschen und Sprachen – genauso vielfältig wie die Welt an sich und die Kacheln an diesem Stand. Ich war dann auch nur bei diesem, weil ich mich lange nicht entscheiden konnte, welche und wie viele Kacheln ich kaufen sollte. Es wurden dann drei. Nach einem Motiv – Audrey Hepburn – musste der Verkäufer erst in seinen ganzen Kisten suchen, doch er fand die gewünschte Kachel und hat dann alle drei sorgfältig für mich eingepackt.

Am Montag war der Anschlag auf ebendiesem Weihnachtsmarkt und ich muss an diesen jungen Mann denken. Ich hoffe, es geht ihm gut. Ich muss auch an die anderen denken. An die, die ihr Leben verloren haben. An die, die an Körper und Seele verletzt wurden und an die, die kurz vor dem Fest der Liebe einen geliebten Menschen verloren haben.

Jetzt liegt die kleine Kachel vom Weihnachtsmarkt an der Gedächniskirche hier auf dem Tisch. Mit der Botschaft, dass nicht die ruhige See, (sondern schwerer Seegang und Sturm) wirklich gute Segler macht.

Ich bin froh, dass ich sie gekauft habe. Dieser junge Mann hat sie für mich eingepackt und sie vielleicht sogar selbst einmal für sein Sortiment ausgewählt. Die kleine Kachel erinnert mich jetzt daran, dass schwere Stürme nicht unweigerlich in Schiffbruch münden müssen. Die kleine Kachel verspricht Entwicklung und Wachstum nicht nur trotz, sondern gerade wegen schwerer Zeiten. Sie erzählt davon, dass wir auf den hohen Wellen der Angst und Wut über uns hinauswachsen und Menschen werden können, die mit Krisen und Terror kompetent und klug umgehen.

Und dazu fällt mir noch ein anderes Zitat ein. Es stammt von Jon Kabat-Zinn, einer der führenden Köpfe der amerikanischen Mindfulness-Bewegung, der auf dem Berliner Kongress für Meditation auch per Video zugeschaltet war: „Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen auf ihnen zu reiten“.

 

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