Erziehungsratgeber sind von gestern. Die Eltern-Crowd kommt!

„Möchten Sie diese Datei wirklich in den Papierkorb verschieben?“ Ja, Windows, ja.

Ich klicke und verabschiede mich von 33 Seiten Manuskript voll mit Assoziationen, angefangenen Sätzen und Ideen, die witzig, inspirierend oder zumindest richtig waren – im Zweifel ist richtig nie verkehrt. Jemand anderer Meinung?

untitledDieses Kapitel wäre also abgeschlossen. Von mir kriegt die Welt keinen Erziehungsratgeber mehr zu lesen. Ich hatte seit geraumer Zeit Bedenken. Schon in meinem ersten Buch „Ich bin eine gute Mutter!“ – einem Erziehungsratgeber, was sonst – reflektiere ich das Paradox dieser Buchzunft. Nämlich, dass Ratsuchende niemals Ratschläge wollen. Wirklich! Achten Sie mal auf die Antworten: „Also bei mir ist das anders.“ Oder „Ja, aber.“ Oder „Danke, das ist lieb gemeint, nur….“ Ein bisschen widersinnig das Ganze, gewiss. Aber es lässt sich leicht erklären.

Ratschläge sind Schläge gegen das eh schon angeknackste Selbstwertgefühl. Sie drängen den Ratsuchenden noch mehr in die Rolle des Hilfsbedürftigen und Unterlegenen. Ein Rat ist ein Übergriff auf das eigene Territorium. Und was am schlimmsten ist, die Befolgung des Ratschlags würde Konsequenzen nach sich ziehen. Unangenehme Konsequenzen. Man müsste aus seinem „Muster“ aussteigen, man müsste loslassen, man müsste seine Angst überwinden. Das geht aber erst, wenn die Zeit dafür reif ist. Und das ist sie meist gerade nicht.

Ja, aber warum nur? Warum fragen Eltern dann um Rat? Warum biegen sich zig Billyregale unter der Wucht von zig Erziehungsratgebern in zig Wohnzimmern? Ganz einfach. Weil Ratgeber immer wieder aufs Neue Hoffnung machen. Hoffnung, von dem großen Druck erlöst zu werden. Hoffnung auf Verständnis. Hoffnung, eine einfache Lösung zu finden. Eine Hoffnung, die sich meist beim Lesen schon zerschlägt oder spätestens im Alltag, in dem sich das Geratene als allzu widerspenstig erweist.

Das alles wusste ich damals auch schon. Daher war meine ursprüngliche Idee, einen Anti-Ratgeber zu schreiben. Diese wunderbare, formidable, bestechend logische Idee fand bei den Verlagen keinen, aber auch gar keinen Anklang. Tsss. Ich wollte aber unbedingt, ganz unbedingt in einem renommierten Verlag veröffentlicht werden. Was tut man in so einem Fall? Andere bescheiden sich womöglich mit Eigenverlag. Ich dagegen bevorzugte den sauren Apfel. Dabei habe ich noch elegant die Kurve gekriegt. Ehrlich überzeugt gab ich den Rat, sich auf das Eigene zu besinnen, sich Fehler zu zugestehen und das selbstbewusst durchzuhalten.

Fünf Jahre ist das her. Heute will ich auch das nicht mehr schreiben. Nicht dass es heute falsch wäre. Nein, ich habe dazugelernt. Ich weiß jetzt, dass das Richtige richtig und trotzdem völlig verkehrt sein kann. Selbst der warmherzigste und empathischste Ratgeber kann nicht wieder gut machen, was die nun über Jahrzehnte andauernde Ratgeberkultur bei Eltern angerichtet hat und trägt seins noch dazu bei. Und an dieser Unkultur werde ich mich nicht länger beteiligen.

Ihre Folgen sehe ich täglich im Internet. In den unzähligen Facebook-Gruppen, in denen sich Eltern aller, wirklich aller Couleur tummeln. Bei Twitter, wo Mütter und Väter andere hautnah an ihrem Erziehungsalltag teilhaben lassen und sich mit Selbstironie zu retten versuchen. Und natürlich auf den offenherzigen Blogs mit dem Brigitte-Mom-Herzchen. Wer hier eintaucht, bekommt das volle Familienleben mit und kriegt Einblicke in die Psyche von Eltern, von denen die Marktforscher in der Fußgängerzone nur träumen können (schönen Gruß an das rheingold institut, hier werden Sie fündig). Wer das alles gelesen hat, schreibt keinen Erziehungsratgeber mehr.

Denn trotz ihres Wissens über Bonding, die dunklen Machenschaften des Zuckers, die sagenhafte Bedeutung von Grenzen, Kinderzahnpasta, die Daseinsberechtigung von Geschwisterrivalität oder Sitzmöbel für gutes Lernen – diese Mütter und Väter, sie strotzen nicht vor Selbstsicherheit. Ihr Badezimmerspiegel kennt Sorgenfalten nicht Victory-Zeichen. Sie sagen nicht: „Ich weiß Bescheid. Ich bin ein echter Kenner von Erziehung. Ich bin die beste Mutter/der beste Vater der Welt!“

Das Gegenteil ist der Fall. Der schwarze Mann geht um. Das ganze Wissen bewirkt – bei allen Vorzügen, die es ohne Frage hat – eine tiefgreifende, tiefsitzende Verunsicherung. Da ist die Angst, etwas falsch zu machen. Die Angst, aus all den unterschiedlichen Meinungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die falsche Entscheidung für sein Kind abzuleiten. Die Angst, das Kind wird abgehängt in der Leistungsgesellschaft. Die Angst, als Mutter und Vater unterdurchschnittlich zu sein. Das Wort Versager will ich hier gar nicht erst in den Mund nehmen. Diese ganzen Ängste äußern sich im angesagten Helikopter-Parenting, in der Überhöhung des Kindes oder Idealisierung der Mutterrolle. Auf Facebook führen sie zur Abschottung einzelner Gruppierungen. Bei reflektierten Eltern, die sich der Beeinflussung und Verunsicherung bewusst sind, zeigen sie sich in offenem Zweifeln oder in sarkastischen Tweets.

Das haben wir nun davon. Wir Ratgeber. Die Frau an der Käsetheke genauso wie Jesper Juul genauso wie die andere Mutter auf der Spielplatzbank. Dabei hatten wir es doch so gut gemeint. Und es stimmte doch auch alles, was wir sagten oder schrieben.

Offensichtlich haben wir etwas übersehen. Etwas Entscheidendes. Dass wir nur Menschen sind zum Beispiel. Dass wir uns unsere Persönlichkeit nicht backen können. Dass wir unsere eigene Erziehung bei der unserer Kinder nicht abstreifen können. Dass das Modell der Leistungsgesellschaft sich nicht – mir nichts, dir nichts-  auf den Erziehungsalltag übertragen lässt. Unser Patentrezept, das Bildung, Leistung, Kontrolle und Reflexion heißt, hilft uns bei schreienden, trotzigen, ängstlichen, schüchternen, zockenden und unangepassten Kindern nicht so gut weiter. Denn das „Richtige“ will wider besseren Wissens im Familienalltag nicht so recht gelingen. Das ist wahnsinnig frustrierend.

Doch es tut sich etwas. Die Ära der Erziehungsratgeber scheint sich dem Ende zuzuneigen. Immer mehr Eltern werden aktiv und orientieren sich neu. Sie suchen selbst nach Lösungen und läuten so einen leisen Paradigmenwechsel ein.

Im Internet organisiert sich eine Eltern-Crowd, die neue Wege geht, die sich gegenseitig beim Erziehungsgeschäft beisteht. Intuitiv stellen sie im Netz eine Situation aus längst vergangenen Tagen her. Das Dorf, das es braucht, um ein Kind großzuziehen, das steht jetzt im Internet. Das Dorf, das sind die Sozialen Netzwerke. Auch hier gibt es kluge Ratschläge, aber es gibt auch Verständnis, aufmunternde Emoticons und tröstende Worte – nahezu in Echtzeit. In zutiefst ehrlichen Blogposts ist von den tiefen Abgründen des Elternseins zu lesen. Mal spricht die blanke Verzweiflung, mal kochende Wut. Darin kann sich jeder wiederfinden. Oft wird ironisch überhöht, was nur legitim ist, denn es mildert die Nacktheit der Selbstoffenbarung. Hier werden Erfahrungen ganz unmittelbar geteilt, es wird diskutiert und zusammen überlegt. Wie in jedem Dorf herrschen auch hier Hierarchien. Es gibt schwarze Schafe, Dorfschönheiten und Dorfälteste. Und es gibt Streit und Ausgrenzung. Es ist ja keine heile Welt, es ist ein Dorf.

Die Community im Netz erzieht jetzt mit. Jeder ist Ratsuchender und Ratgeber. Diese Entwicklung ist ungeheuer spannend. Denn die Eltern wandeln sich so vom passiven Konsumenten zum aktiv Interagierenden. Kommunikation heißt das Zauberwort. Allein das ist eine ungeheuer positive Entwicklung.

Die Zeit der Erziehungsratgeber hat ausgedient. Die Eltern-Crowd kommt. Mal schauen, was sie bringt. Es braucht sicher viele Tweets und Facebook-Gruppen, um ein Kind großzuziehen.

Auch hier in der Huff Post zu lesen.

16 Gedanken zu „Erziehungsratgeber sind von gestern. Die Eltern-Crowd kommt!

  1. Herzmutter sagt:

    Kann ich auch bestätigen, von dem was ich selber erlebe und auch durch die Feedbacks innerhalb meines Blogs. Mittlerweile habe ich sogar ein geschlossenes Forum, in dem sich Eltern schwieriger Kinder austauschen können; das wird erstaunlich gut genutzt. Ich hoffe sogar daß das die Zukunft ist, denn ich halte die meisten Ratgeber für schädlich – wenn man nicht reflektiert damit umgeht, hält man das geschriebene Wort für eingemeißelte Wahrheit, dabei sind Kinder so wahnsinnig unterschiedlich…

    Liebe Grüße, Janina

  2. Sven sagt:

    Schön auf den Punkt gebracht. Ein crowdgefundetes Elterncrowdbuch wäre noch mal was. So als letzter Abschluss.
    Jeder, der Kinder bekommen hat, kennt die Verunsicherung. Mache ich alles richtig. Was ist dieses „alles“. Kann man nicht auch mal die Dinge auf sich zukommen lassen, ohne zu formen. Ich war froh, dass es zur Geburt unserer Zwillinge kaum Zwillingsratgeber gab. Leider hat sich das geändert.

  3. Carsten sagt:

    Sehr schön geschrieben. Du hast vollkommen recht. Ich habe auch ein kleines Dorf im echten Leben. Mit meinen Freunden die alle erst ihr erstes Kind haben, haben wir eine private Krabbelgruppe, ohne Kinderleistungsschau. Und wenn alle Eltern diesen schlimmen Perfektionismus ablegen und sich daran erinnern, dass Erziehung schon seit der Steinzeit intuitiv ganz prima funktioniert, brauchen wir vielleicht endlich keine Ratgeber mehr. Ein kleiner Hinweis von Oma, vielleicht, dass dieses vorbeigeht und es für jenes einen Trick gibt, sollte dann reichen.

    • Corinna Knauff sagt:

      Danke für deinen Kommentar, Carsten. Ich denke, wir sind in einer Zeit des Umbruchs. Viele Eltern haben so die Nase voll vom Perfektionismus. Da tut sich gerade ne Menge und ich bin sehr gespannt wo es hingeht.

  4. Mama arbeitet sagt:

    Ja. Ich sehe darin auch eine bemerkenswerte Entwicklung, und zwar eine gute. Super auf den Punkt gebracht, ich hab’s schon geteilt mit meinem Twitter-Clan, FB folgt. 🙂

    Viele Grüße, Christine

  5. Frische Brise sagt:

    „Wie in jedem Dorf herrschen auch hier Hierarchien. Es gibt schwarze Schafe, Dorfschönheiten und Dorfälteste. Und es gibt Streit und Ausgrenzung. Es ist ja keine heile Welt, es ist ein Dorf.“

    Oh, wie wunderbar! Ja, genau so ist es.

    Und ich liebe es!

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