Mum´s Woodstock: ZusaMama. Eine Mütter-Friedensbewegung im Netz

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Sie ist eine Mutter wie nicht aus dem Bilderbuch. Vernachlässigtes Erscheinungsbild,  Zigaretten am laufenden Band. Bin ich im Gespräch mit ihr und ihr Kind kommt angelaufen, mit einer Frage oder einem Fundstück, fährt sie herum und bellt das Kind an. Ohne sichtbaren Anlass. Das macht sie nicht nur ab und zu, wie alle Mütter hin und wieder. Sie macht es andauernd.
Diese Mutter zu mögen, fällt mir schwer. Mich nicht einzumischen auch. Sie einfach zu lassen und die Unterhaltung freundlich weiter zu führen, erst recht.

Es sind Situationen wie diese, die jede Mutter schon einmal erlebt hat. Andere Frauen verhalten sich ihren Kindern gegenüber nicht so, wie sie das für richtig halten. Entweder sind sie ständig unfreundlich zu ihren Kinder wie diese. Oder sie füttern sie auf dem Spielplatz mit Löffelbiskuit statt mit Apfelschnitzen. Sie machen Karriere und sehen ihre Kinder nur zum Gute Nacht sagen. Sie posten am laufenden Band private Bilder von ihren Kindern – mit Schamesröte-Garantie für den Nachwuchs in zehn Jahren. Sie verpassen ihren Töchtern einen pinken Barbie-Look. Sie treiben ihre Kinder mit verbissenem Ehrgeiz zu schulischen Höchstleistungen an. Sie lassen ihre Krabbelkinder am Napf Katzenfutter essen, weil deren Selbstbestimmungsrecht respektiert werden muss.

Mütter-Bashing
Es gibt viele Varianten des Mutterseins, die Widerspruch provozieren. In letzter Zeit ist daher immer häufiger von Mommywars im Netz zu lesen. Durch die Kommunikation im Netz kommt ans Licht, was schon lange im Freiluft-Erziehungsgeschehen brodelt: Das Mütter-Bashing. Die Spanne reicht von leicht hochgezogener Augenbraue über korrekt formulierte Kritik bis hin zu verbaler Steinigung.

ZUSAMAMA, eine Mütter-Friedensbewegung im Netz
Doch es gibt auch die andere Seite. Das sind Mütter, die sich gegenseitig zuhören und unterstützen. Davon gibt es sehr, sehr viele und einige von ihnen haben sich vorgenommen, etwas gegen die Mütterkriege zu unternehmen. Da ist Bea Beste von der Tollabox, da ist Angela Schmidt von den Notfallmamas und da ist Franziska Pörschmann vom Rabenmütterverlag. Und da bin ich.

Wir sind nicht Gandhi. Wir organisieren auch keinen Ostermarsch. Aber vielleicht werden wir ein virtuelles Mum´s Woodstock. Noch sind wir eine kleine Bewegung im Netz. 600 Frauen haben sich unserer Initiative ZusaMama auf Facebook bisher angeschlossen. Wir hoffen auf viele mehr. You are very welcome!

Wer sich ZusaMama anschließt, hat die Nase voll von den Grabenkämpfen rund um selbstgekochten Babybrei, die optimalste Förderung und den spektakulärsten Kindergeburtstag. Die Kämpfe schaffen ein Klima, in dem das Muttersein unter strenger Beobachtung steht. Sie bedienen eine Welt, in der jede Abweichung von einer hypothetischen Norm schon ein unverzeihlicher Fehltritt ist. Sie entziehen uns Frauen eine Menge Energie, die woanders dringend gebraucht wird. Sie lenken ab von den wirklich brennenden Problemen von Familien in unserer Gesellschaft. Und sie boykottieren Frauensolidarität und Mitgefühl.

ZusaMamas finden, Mütterkriege gehören abgeschafft: im Netz, auf den Spielplätzen, beim Latte Macchiato trinken und sogar in den Krabbelgruppen.

Selbstgerechtigkeit führt zu nichts Gutem
Puhh. Warum nicht gleich Frieden im Irak schaffen? Da kann ich nur sagen, wer es hingekriegt hat, seinem Kind anzutrainieren, seinen Schlafanzug morgens krumm gefaltet unter die Bettdecke zu legen, den schreckt so ein bisschen Mütterbefriedung auch nicht ab.

Zugegeben, wir nehmen den Mund ein bisschen voll. Zugegeben, wir wissen schon, dass wir unser Ziel nie erreichen werden. Wir machen es trotzdem. Weil wir auf Mütterkriege aufmerksam machen wollen. Weil wir das tägliche Bashing unter Müttern kritisch ins Bewusstsein heben und nicht stillschweigend hinnehmen wollen. Weil offene Kommunikation immer etwas in Bewegung bringt. Weil kleine Dinge zu verändern, auch Sinn macht. Weil Gemeinsamkeit gut tut. Weil wir versuchen wollen, nicht so selbstgerecht zu sein.

Selbstgerechtigkeit ist menschlich, bringt aber nichts. Wenn ich die genannte Mutter wegen ihres Verhaltens verurteilen würde, könnte ich mich moralisch überlegen fühlen. Ich könnte mich im Recht fühlen, weil ich sie pädagogisch aufgeklärt hätte. Ich könnte mit dem ruhigen Gewissen nach Hause gehen, die bessere Mutter zu sein. Etwas zum Positiven verändert hätte ich nicht. Im Gegenteil. Ich hätte diese Mutter noch mehr unter Druck gesetzt, ihr schlechtes Gewissen vertieft und die Wut auf ihr Kind befeuert. Niemand hätte profitiert und sich weiter entwickelt. Weder ihr Kind noch das meinige, nicht die Gesellschaft, nicht die andere Mutter und ich auch nicht.

FIGHT oder FLIGHT                                                                                                 Vorurteile sind so alt wie die Menschheit. Sie sind die Folge rigider Glaubenssätze von richtig und falsch. Umso weniger Schattierungen eine Gesellschaft zulässt, desto heftiger die Vorverurteilungen. Das bei uns vorherrschende Bild einer guten Mutter lässt verdammt wenig Grautöne zu. Ein guter Nährboden für Mütterkriege.

Eine Mutter, die ein anderes Konzept fährt, wird in Deutschland leicht als Affront erlebt. Ihr Verhalten ist ein Angriff auf das eigene Konzept von Muttersein. Beliebte Methoden, um auf Angriffe jedweder Art zu reagieren, sind FIGHT oder FLIGHT. Sie standen schon dem Neandertaler zur Verfügung. Bei Müttern heute geht FIGHT durch Naserümpfen, offene Kritik oder mit einem Anruf beim Jugendamt. Der Gegenangriff lässt in der Regel nicht lang auf sich warten. Was bleibt, ist Unverständnis. Die Mauern in den Köpfen.

Der Kalte Mütterkrieg
FLIGHT ist unter Müttern auch beliebt. Bei diesem archetypischen Reaktionsmuster macht man zukünftig einen weiten Bogen umeinander. Man setzt sich bei der Kindergartenweihnachtsfeier an weit voneinander entfernte Tische oder proklamiert seine jeweiligen Thesen vom besten Muttersein in geschlossenen Facebook-Gruppen. Das nennt man dann den Kalten Mütterkrieg.

TEND und BEFRIEND
Um Mütterkriege klein zu kriegen, muss man machen, was Veränderung herbeiführt. Und: EINE Mutter muss anfangen. Gut, dass wir Frauen (Nein, kein Männer-Bashing. Es liegt schlicht an den Hormonen.) außer FIGHT oder FLIGHT noch etwas im Verhaltensrepertoire haben. Die Sozialforschung nennt es TEND und BEFRIEND: Sorge und schließe Freundschaft. Warum nicht der anderen Mutter offen begegnen. Ihr womöglich helfen. Ihr etwas Nettes sagen und daran denken: Wer keine Bilderbuchmutter geworden ist, hatte auch keine Bilderbuchkindheit. Jede Wertschätzung ihrer Person wird der Mutter gut tun und es ihr leichter machen, liebevoll mit ihrem Kind umzugehen. Jede Unterstützung wird sie entlasten und ihr so helfen, ihr Kind nicht zu belasten. Jedes herzliche Wort von mir an sie, wird ihr und ihrem Kind zugutekommen. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Das weiß ich von meiner Mutter.

Begegnen wir den überehrgeizigen, den achtlosen, den egoistischen, den verbissenen, den unbedarften, den streitsüchtigen, den eitlen Müttern doch freundlich, mit dem Wunsch zu verstehen und … mit ehrlicher Selbstreflexion. Wir werden feststellen, dass wir – vielleicht nicht oft – aber manchmal schon – auch achtlos, egoistisch, verbissen, unbedarft, streitsüchtig und eitel sind. Und das die anderen auch liebevolle, sorgende, lachende, zweifelnde, herzende, umsorgende und ringende Mütter sind. Wir sind hier nicht in einem Splatterfilm. Müttermonster gibt es nur in der Phantasie. Bilderbuchmütter auch.

Viele, viele ZusaMamas haben das Zeug, das Klima unter den Müttern ein klein wenig zu verändern und dem schwarz-weißen Mutterbild einige Graunuancen zu verpassen. Ein verständnisvoller und wohlwollender Blick auf Mütter würde uns allen gut tun. Auch den Kindern. Unsere Söhne könnten dann ein wertschätzendes Mutterbild in sich tragen. Und unsere Töchter könnten sich als Mütter freier fühlen.

Der Geist von ZusaMama
Bei Blockbustern wie „Ziemlich beste Freunde“ oder „Erin Brockovich“ sitzen wir zu Tränen gerührt auf dem Sofa oder im Kinosessel. Es berührt uns, wenn wir miterleben, wie Menschen ihre Vorurteile überwinden und Beziehung entsteht. Wenn der Underdog und der gelähmte Millionär, die aufgetakelte Mutter und der alternde Anwalt sich notgedrungen kennen- und dann schätzen lernen. Etwas von diesem Geist sollten wir in unseren Mütteralltag hinüberretten. Dann bleibt ZusaMama kein warmes Lippenbekenntnis. TEND und BEFRIEND. Jeden Tag. Obwohl es oft nicht klappt. Obwohl wir manchmal passen müssen, weil wir mit der einen oder anderen Mutter nicht annähernd ziemlich beste Freunde werden können. LOS. Es geht um mehr Respekt und Toleranz. Nicht nur zur Vorweihnachtszeit.

Bildquelle: Morguefile

5 Antworten auf „Mum´s Woodstock: ZusaMama. Eine Mütter-Friedensbewegung im Netz“

  1. Als Nichtmama – aber mit ständigem Blick auf den am Haus angrenzenden Spielplatz – muss ich sagen: Hurra, es gibt offensichtlich doch noch normale Mütter.
    Ich habe mir schon oft gedacht, warum sich Mütter in Grabenkämpfe verkeilen, aus Wut über sich das Kind anschreien oder es wegen Wichtigmacherei „Sie ist drei und kann schon das Alphabet auswendig. Am Montag hat sie ihren ersten Buchstabierwettbewerb!“ während sie zum obligatorischen Sagrotantuch greifen.

    Ich wünsche viel Erfolg beim ganz normalen Mutter sein. Ich bin mir sicher, Ihre Kinder danken es Ihnen.

  2. Gott, ihr sprecht mir aus der Seele.
    Wie oft werde ich von Erzieherinnen, Müttern, Großeltern usw schief angeschaut weil ich etwas auf meine Art und Weise mache! oder weil ich nicht regelmäßig in die Krabbelgruppe und ins Babyschwimmen gehe. ?!?!
    Kinder müssen nicht ständig angeschrien, herumgezerrt, in irgendwelche Kurse gesteckt werden, odet die ganze Zeit auf Händen getragen damit es bloß nicht stolpert.
    Ein Kind darf ein Kind sein, mal schmutzig, mal laut, mal frech und einfach nur glücklich 🙂 und mein Kind kann laufen, also soll es das auch.

    Ganz oft schauen mich andere Kita Mamas an und flüstern Dinge wie : oh man. Die ist ja voll überfordert.

    Bin ich nicht! Wenn meine Tochter ne Stunde mit mir diskutieren will ob wir Heim gehen oder nicht ist das unsere Sache. Und wenn mein Baby nebenher schreit oder unzufrieden ist, muss ich doch das Baby trösten und klarkommen.

    Ich sag immer: zieh dir meine Schuhe an und geh den Weg den ich gegangen bin, bevor du urteilst.

    Meistens freut es mich dann wenn die Mamis ihr 2tes Kind bekommen und dann genau die gleichen Situationen durchmachen 🙂
    Kind 1 ist 28 Monate und Kind 2 6 Monate alt. 🙂

    Und übrigens, meine Große weiß ganz genau wie Schoki schmeckt. 😉 ihre Leibspeise bleibt aber trotzdem Obst mit Joghurt 😉

    Ich tausche mich super gern mit anderen Mamis aus, aber es ist mir wurscht ob deren Kinder was schneller oder besser können als meine 🙂
    Willst du nen Tip? Dann frag mich, sonst geb ich dir auch keinen 🙂

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