#JesuisCharlie – Nur ohne Angst sind wir frei

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Ich unterbreche mein Programm. Den Blog Post über Feminismus und seine Gegenspieler, an dem ich arbeite, kann ich gerade nicht zu Ende bringen. Das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo hat mich aus dem Konzept gebracht – die Gegenspieler der Freiheit. Die Zeit online spülte am Mittwoch die furchtbare Nachricht in meine Timeline und nun sehe ich mich aufgefordert, mich dazu zu verhalten. Und wie verhält sich eine Bloggerin in so einer Situation? Sie schreibt.

Ein Aufschrei der Anständigen geht durch das Netz. Von populistischen Ausreißern mal abgesehen. Doch die sind nicht die MEHRHEIT. Die Mehrheit sind Menschen, die große Trauer über den gewaltsamen Tod der engagierten und mutigen Journalisten verspüren. Erschrocken wie ich.

Doch die Angst ist diesmal kein kurzer Schreck. Es ist eine existenzielle Angst, die eine so zutiefst unmenschliche Tat in uns auslöst. In ihrer ganzen Monstrosität haben wir sie am 11. September 2001 erlebt. Die offene Zivilgesellschaft, unsere Lebensform und unsere Freiheit wurden attackiert. Mehr noch: Die Attentäter von Paris haben jeden von uns ganz persönlich getroffen. Deshalb entstand der Hashtag #JesuisCharlie. #JesuisCharlie ist viel mehr als ein Zeichen der Solidarität. Er ist der Ausdruck für einen Angriff auf unser Selbst.

Dass das möglich war, inmitten von Paris, trotz Polizeischutz. Das macht verdammt ohnmächtig. In so einem Fall heißt das seelische Notfallprogramm WUT. Der Wut folgt leicht Kampfbereitschaft. Es wird nach Rüstungen gerufen, die schützen und verteidigen sollen. Doch Rüstungen sind nie gut. Sie verstecken unsere Verletzlichkeit, unsere Gefühle, unsere Menschlichkeit. Rüstungen schaffen Distanz und Unbeweglichkeit. Mit heruntergeklappten Visier sieht man nur einen sehr, sehr kleinen Ausschnitt dieser Welt.

Sicher, es sind hehre Motive. Das waren sie 2001 auch. Die Aggression wurde damals legitimiert durch die Verteidigung unserer Freiheit. Sie war ein Irrtum. 9/11 hat uns eindrucksvoll gezeigt, was auf die „gerechte“ Gewalt tatsächlich folgt: Mehr Tote, mehr Zerstörung, mehr Instabilität. Weniger Freiheit. Für alle.

Die Gräueltat in Paris fordert jeden von uns als Mensch heraus. Freiheit ist zuallererst die Freiheit des Geistes. Auch dafür standen die nun toten Satiriker von Charlie Hebdo. Unabhängig davon, ob man ihre Karikaturen mochte oder nicht, die Menschen von Charlie Hebdo verdienen höchsten Respekt dafür, dass sie sich nicht einschüchtern ließen und gewaltfrei Stellung bezogen.

Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski, Bernard Verlhac können nicht weitermachen. Wir können. Wenn wir es ernst mit #JesuisCharlie meinen, dürfen wir es bei Betroffenheitsbekundungen nicht belassen. Machen wir uns also an die Arbeit. Freie Menschen sind nur die, die sich von Angst nicht das Verhalten diktieren lassen. Wenn es hier wirklich um die Verteidigung unserer Freiheit geht, müssen wir zuallererst unsere eigene Angst besiegen. Ohne Angst müssen wir nicht hassen. Ohne Angst müssen wir nicht kämpfen. Die Pegida-Anhänger haben Angst. Die Attentäter auch.

Die Geschehnisse in Paris müssen uns nicht überfordern. Angst muss weder lähmen noch in Gewalt und Ausgrenzung umschlagen. Das können wir von Charlie Hebdo lernen. Im Gegenteil. Angst kann der Motor für Entwicklung sein. So wie Krisen immer Chance für Wachstum und Fortschritt sind.

Wenn wir es schaffen, nach den Demonstrationen in den Städten, nach den Solidaritätsbekundungen im Netz, nach den Spenden für die Familien der Opfer nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen,
wenn wir erkennen können, welches politische und wirtschaftliche Handeln unserer Gesellschaft den Terror in der Welt nährt,
wenn wir sehen können, dass die Kluft zwischen Armut und Reichtum ein himmelschreiendes Unrecht ist, gegen das jeder etwas tun muss,
wenn wir die Angst und Wut in verantwortliches, gewaltfreies Handeln verwandeln,
dann haben wir den Attentätern vom 7. Januar etwas alles Entscheidendes voraus:

Wir sind frei.

Auch hier in der Huffington Post erschienen.

3 Antworten auf „#JesuisCharlie – Nur ohne Angst sind wir frei“

  1. Und was zur Zeit geschieht, an öffentlichen Solidaritätsbekundungen und sehr besonnenen Kommentaren, so wie Dein Statement macht mir Hoffnung, dass aus dieser Tragödie etwas Gutes entstehen wird.
    Danke für diese treffenden Worte!

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