Buch

untitled in memorian an meine Mutter

„Ich kann das. Ich mach das aber nicht.“ Diesen Satz sagte meine vierjährige Tochter zu meiner Mutter. Sie standen gemeinsam in der großmütterlichen Küche, meine Mutter machte das Abendessen für uns – ihren lang ersehnten Besuch. Meine Tochter hopste wahrscheinlich von einem Bein auf das andere und gab schön Acht, dass der Oma auch nicht langweilig wurde. Nun bat die liebe Oma das liebe Kind: „Kannst Du den Brotkorb und den Käse schon mal ins Esszimmer bringen? Danke, mein Schatz!“ Dann kam der betreffende Satz. Nun war meine Mutter eine Frau, die immer viel Wert auf gutes Benehmen gelegt hat. Es wäre also nicht weiter überraschend gewesen, wenn sie ihre Zauberhafte-Nanny-Miene aufgesetzt und dem lieben Kind unmissverständlich Folgendes klar gemacht hätte: So benimmt man sich nicht. Das gehört sich nicht. Und… das ist unhöflich.
Sie hätte auch darüber enttäuscht sein können, dass ihr geliebtes Enkelkind ihr nicht gerne hilft. Sie hätte es verärgert aus der Küche schicken können. Doch nichts von alledem geschah. Stattdessen hielt meine Mutter in ihrer Geschäftigkeit inne, schaute ihr liebes, aufmüpfiges und hopsendes Enkelkind nachdenklich an und sagte: „Diesen Satz hätte ich in meinem Leben auch öfter laut aussprechen sollen.“
Meine Mutter gehörte zu der Generation, die in Kriegstagen Kinder waren. Das ist lange her. Und obwohl es so lange her ist, fristet dieser Satz auch im Leben von uns modernen, emanzipierten Müttern ein Schattendasein. Es ist die reinste Zauberei: Doch sobald wir Mütter werden, können wir nicht nur alles, wir machen auch alles. Mit der Geburt unseres Kindes verwandeln wir uns in Supermom höchstpersönlich und vollführen organisatorische, emotionale und körperliche Kunststücke auf Goldmedaillen-Niveau.
Das alles, um unseren eigenen Ansprüchen und denen der Gesellschaft zu genügen. Und die sind hoch, viel zu hoch. Was bleibt, ist das Gefühl unentwegt zu scheitern. Was sehr, sehr ungerecht und ziemlich absurd ist, haben wir doch so viel dafür getan, eine gute Mutter zu sein.
Keine Frage. Enkelkinder sollten der Oma helfen, den Tisch zu decken. Und Mütter sollten ihre Kinder behüten und versuchen, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Doch sollten wir alles machen, was wir können? Sollten wir nicht öfters zu uns selbst und zu anderen sagen: „Ich kann das. Ich mach das aber nicht.“

Ich bin eine gute Mutter!“ Warum es Ihrem Kind besser geht, wenn Sie nicht immer perfekt sind.“ Campus Verlag 2009

P.S. Nachdem sie einen wilden inneren Kampf durchgestanden hat, hat meine Tochter Brot und Käse doch noch auf den Esstisch von der Oma gestellt. Der Nachtisch, gezuckerte Erdbeeren mit Schlagsahne, war ihr dann doch wichtiger.

Das Buch ist u. a. bei Amazon erhältlich.

 

Das INHALTSVERZEICHNIS von „Ich bin eine gute Mutter!“

Einleitung

Bildungsmütter im Kreuzfeuer eigener und fremder Ansprüche

Auf in den Kampf fürs Kind!

Mami – ein Dienstleistungsunternehmen

FürSORGE

Supermama und Superfrau

Ratgeber und Rama-Mutter: Wie der Leistungsdruck entsteht

Der leise Krieg der Mütter

Der Verlust der mütterlichen Unbefangenheit

Förderitis – eine neue Epidemie

Zuviel des Guten. Die Kehrseite der perfekten Bemutterung

Das „König-Kind“-Phänomen

Abschied von der Übermutter

Gute Mütter sagen Nein

Mütter-Mantras für ein gelassenes und selbstsicheres Muttersein

Basicmama statt Supermama

Die Entthronung des kleinen Königs

Kinder brauchen das wahre Leben

Orientierung mit den Maximen der Basiserziehung

Erwachsene in die Erwachsenenwelt, Kinder in die Kinderwelt

Gemein, spießig und streng sein: Mütterliche Macht gutheißen

Das eigene Maß finden

Wir sind nicht die Sklaven unserer Rituale

Win-Win für Mutter und Kind: Geben und Nehmen

Muttersein = Geben?

Erziehungsballast abwerfen

Nicht perfekt, aber auch nicht allein

Welche Förderung braucht mein Kind wirklich?

Schluss mit dem Kontroll-Overkill

Die totale Kontrolle ist eine Illusion

Dem schlechten Gewissen den Wind aus den Segeln nehmen

Eine Frage der Perspektive

Vermeidungsstrategien sind keine Lösung

Emanzipation für Mama und Papa: Erziehung teilen

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Das Zauberwort heißt Distanz

Renitenz: Ein kindlicher Abgrenzungsversuch

Zur Mutterliebe gehören Nähe und Distanz

Dem Herzen trauen

Mein Herz hat recht

Nobody is perfect – noch nicht einmal Mütter

Keine Erziehung ohne Fehler

Beipackzettel für Erziehungsratgeber

Das politisch Unkorrekte wagen

Nur die nicht perfekte Erziehung ist lustvoll

Neue Mütter braucht das Land – andere Vorbilder

Kindergeschichten für Mütter

Sich selbst wiederentdecken

Bis zum Mond und wieder zurück…

Danksagung

Literaturhinweise