Leseprobe

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„Ich bin eine gute Mutter!“ Campus Verlag 2009

… Nicht jede Mutter ist zum Spielen geboren.
Mit ungeniertem politisch unkorrektem Verhalten stellen wir uns gegen den Zeitgeist, gegen den Gruppendruck und gegen unsere alten Wertvorstellungen. Psychologisch gesehen, ist das durchaus sinnvoll. Wir schützen auf diese Weise unsere Grenzen und entrümpeln unseren Alltag mit den Kindern von Stress und Leistungsdruck. Der kleine Haken dabei: Die freche Pädagogik kann nicht im Detail verordnet oder empfohlen werden. Sie ergibt sich aus der individuellen Situation, aus der besonderen Beziehung zu unserem Kind. Was im Umgang mit beim einen Kind wohltuend und haltgebend ist, ist beim anderen irritierend und verunsichernd. Da können wir nur wieder unserem Herzen folgen.
Als Mutter und Heilpädagogin nicht gerne mit seinen Kindern zu spielen, ist ein Unding, vielleicht sogar eine Todsünde. Pädagogen erwarten von sich selbst, dass sie zugewandte, einfühlsame Spielbegleiter sein müssen – zum Wohle der kindlichen Entwicklung. Das haben sie gelernt, das ist ihr Auftrag. Unglücklicherweise spiele ich im privaten Bereich, so ganz ohne berufliche Bestimmung, gar nicht gerne mit Kindern, auch nicht mit meinen eigenen. Als Erstlingsmutter war dieser Umstand für mich unakzeptabel, weshalb ich die ersten Jahre wild gegen diese Abneigung angekämpft und mir eine tägliche Spieldosis abgerungen habe – mit dem Resultat, dass ich schon beim Anblick eines Puppentheaters schwermütig wurde.
Doch damit ist Schluss. Im Zuge meiner mütterlichen Weiterentwicklung nehme ich das nicht mehr zu überhörende „Ich mag nicht spielen!“ ernst und leiste mir den Luxus eines „Du darfst das Spielen mit deinen Kindern verweigern“.
Das sieht dann ungefähr so aus: Wenn meine Kinder mit mir spielen wollen und ich nicht will, sage ich: „Mütter sind nicht zum Spielen da.“ Worauf ich nur auf die Frage warte, wozu Mütter denn sonst gut wären, denn dann lege ich erst richtig los. Das Ende des ausführlichen und detaillierten Monologes, wie viel ich als Mutter tagtäglich leiste, bekommt dann keiner mehr mit. Noch ehe ich die erste Runde richtig eröffnet habe, ergreifen alle die Flucht.
Es gibt Mütter, die sich fürs Spielen einfach nicht eignen. Ich gehöre dazu. Sollte meine Anwesenheit im Kinderzimmer trotzdem mal zwingend notwendig sein – bei Klein- und Einzelkindern lässt sich das gemeinsame Spiel nicht ganz vermeiden – gestalte ich die Spielsituation zumindest so angenehm wie möglich. Dann spielen wir das, was für mich gerade noch machbar ist. Ich stehe als Statist, Zuschauer und Assistent zur Verfügung. Spielt mein Kind Arztbesuch, bin ich der Patient, der abgehört wird. Das hat den Vorteil, dass ich dabei liegen und meinen Gedanken nachhängen kann. Dann bin ich zwar da, aber innerlich weit weg und fühle mich wohl.
Nicht jede Mutter ist zum Spielen geboren. Es gibt eine ganze Menge, was wir für unsere Kinder tun müssen, Spielen gehört nicht notwendigerweise dazu. Das können andere, die nicht so nah dran sind, manchmal besser. Väter zum Beispiel oder Babysitter. Und damit Sie nicht einen gar so schlechten Eindruck von mir bekommen: Es gibt immer noch das Vorlesen, das gemeinsame Singen, Toben oder Sportmachen.
Die mütterliche Spielverweigerung führt dazu, dass man eine ungeahnte Kreativität in der Erfindung von Beschäftigungen entwickelt, die Kinder ohne Mama machen können. Das erklärt den Riesenvorrat an Kleenexboxen, einzeln verpackten Pflastern und den großen Wasserverbrauch in den Haushalten von spielfaulen Müttern. Nebenbei lernen die Kinder hervorragend sich selbst zu beschäftigen und werden unabhängiger von äußeren Umständen, wie dem Fehlen eines Spielkameraden.
Eine andere Lösung wäre es, seine Nachkömmlinge schon früh in die Geheimnisse des erwachsenen Spiels einzuweihen. Wenn Kinder schon mit sieben Doppelkopf lernen, ist das sicher nicht die schlechteste Startbedingung fürs Leben.
Kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie auch nicht gerne mit Ihren Kindern spielen, denken Sie an Astrid Lindgren. Die Mutter aller Kinderbücher lässt die Mütter in ihren Büchern nie mit ihren Kindern spielen. Das unbeschwerte, zauberhafte Ambiente von Bullerbü beruht quasi auf der weitgehenden Abwesenheit der Erwachsenen…